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ein leipziger lifestyle-magazin. ein hoch auf die kreativen dieser stadt!

alles war so vertraut und jetzt ist alles neu. jetzt ist alles neu.

2 Kommentare

März 2020. Mir fehlen fast die Worte dafür. Wir stehen auf diesem Dach mitten in Leipzig. Zu zweit. Mit Sicherheitsabstand. Es fühlt sich fast schon verboten an. Die pulsierende und sonst auch am Sonntag überaus belebte Stadt schweigt. Es ist ganz still. Wir hören nur einen Trompetenspieler, der nach italienischem Vorbild die „Ode an die Freude“ tutet. Irgendwie komisch. Vor wenigen Minuten kam die Nachricht über den Lockdown in ganz Sachsen. Vor einer Woche hätte das in mir noch Panik ausgelöst. Mittlerweile ist es still in mir. Ein notwendiger Schritt, denke ich. Seit vielen Tagen ist mein mir gewohntes Leben und mein Berufsalltag zum Erliegen gekommen. Alle Fotoaufträge wurden gestrichen. Für die Großkunden sind die Messen ausgefallen. Die Lesung zur Buchmesse wurde abgesagt. Models für unser WE RIDE LEIPZIG Magazin zu finden, wird immer schwerer. Die Anzeigenkunden stellen ihr Budget auf Krise um. Die Cafés schließen.

Alle bleiben Zuhause. Das ist gut so aber stellt meinen beruflichen Alltag auf den Kopf. Ohne Menschen gibt es eben keine Geschichten. Ohne unsere Cafés und Bars keine Orte, um sie zu treffen. Der Teufelskreis nimmt seinen Lauf. Nehmt es mir nicht übel aber ich kann jetzt einfach nicht anfangen die freie Zeit zu genießen, meine Fenster zu putzen oder Fotoalben zu erstellen. Wir reden nicht von Ferien, die nach zwei Wochen enden. Unser Zeitraum ist nicht festgelegt. Stattdessen wälze ich mich durch Anträge, Formulare und News-Ticker. Nicht die zum Coronavirus. Die habe ich nach einigen schlaflosen Nächten hinter mir. Sondern durch alle mit der Überschrift „Wirtschaftsförderung“, “Kreativwirtschaft in Sachsen” oder „Sofort-Hilfe für Selbstständige“. Aber alle bisherigen Nachrichten aus dem Freistaat sind eher enttäuschend.

Ich versuche alles Erdenkliche dagegen zu tun, dass mich diese aktuelle Situation, von der wir gerade so oft schreiben, nicht übermannt und in die Knie zwingt. Ich jogge allein durch den Wald. Erfreue mich an den ersten Frühlingsblüten. Kauf mir frisches Obst im lokalen Bio-Laden, um bekannte Gesichter weiterhin zu unterstützen. Pflanze meine Balkonkästen neu. Lege Blümchen vor die Tür meiner Freunde im Viertel. Telefoniere durch ganz Deutschland. Treffe mich mit meinem besten Freund zum Spazieren. Erzähle von meinem Tag. Koch mir abends mein Lieblingsessen und schau dazu per Video-Call einen Film. Doch sobald es draußen dunkel wird, kriechen die Geister unter meinem Bett hervor und knabbern an meinem Optimismus. Ich hoffe immer wieder, dass ich irgendwann in mein altes Leben zurückhuschen kann. Dass ich meinen Beruf wieder ausführen kann. Dass es meinen Großeltern und Eltern gut geht. Dass ich mich vor Krankheiten schützen kann. Dass wir alle in dieser Zeit nicht einsam werden. Dass wir uns irgendwann in sehr naher Zukunft wieder in die Arme schließen und nicht mehr mit gesenktem Kopf aneinander vorbeigehen können. Seinen besten Freund immer nur mit einem dreifachen Fußkick zu verabschieden, ist vielleicht lustig aber bricht mir jedes Mal das Herz. Wenn man sich doch einfach so umarmen könnte. Aber nein, da sind wir beide streng. Ich wache nachts auf und kann nicht mehr einschlafen, weil viele kleine Ängste durch meinen Kopf geistern und ich sie nicht abstellen kann. Außer einem „Das wird schon“ oder „Alles wird gut“ kann ich ihnen nichts entgegnen. Ich weiß es auch nicht. Ich weiß nur, dass ich nicht einfach nur rumsitzen kann.

Aber ich kann etwas, das mich sowieso schon immer antreibt: Ich kann versuchen kleine freudige Lichtblicke zu erzeugen. Ich kann Menschen auf lohnenswerte Dinge oder Aktivitäten aufmerksam machen. Ich kann auch in dunklen Zeiten etwas Gutes tun. Da ich nun mal keinen medizinischen Beruf ergriffen habe und meine Tätigkeit derzeit als nicht besonders systemrelevant eingeschätzt wird – ich kann es durchaus verstehen – muss ich eben kreativ werden. So heißt doch schließlich auch unsere Branche. Eine befreundete Leipziger Bar mit Bistro nebenan bietet die Möglichkeit, um für sie Essen auszufahren – das Echo von „Ausbeutung der Selbstständigen“ wurde sofort groß. Klar, ich kann mir natürlich auch einfach Zuhause ins Gesicht fassen und mich über meine Situation aufregen, sorgen oder verantwortungsvoll die Möglichkeiten ausnutzen, die mir noch geboten werden und irgendwie das Beste daraus machen. Also, Einweg-Handschuhe an und los.

Bereits zwei Abende lang bin ich für das Rimini durch Leipzig gefahren und habe Malfatti, Gyoza, Ramen und Spaghetti Bolognese ausgefahren. Liefergebühr und Trinkgeld sind für die Fahrer_innen. Die Ansage lautet, dass wir auf unserer Tour niemanden sehen wollen und die Bestellungen vor der Tür ablegen. Eigentlich alle halten sich daran. Manche begegnen uns von weiten im Hausflur. Manche winken durchs Fenster. Manche hören wir nur durch die Klingel aber ein richtiger Kontakt bleibt in allen Fällen aus. Es fühlt sich gut an einen kleinen Beitrag zur Versorgung beizutragen. Auch, wenn es in den meisten Fällen nur Luxusgüter sind. Vielleicht sorgen sie für schöne, unbeschwerte Stunden. Zurück im Rimini werden die Hände gewaschen, neues Essen wird eingepackt und wieder ausgeliefert. Einen kleinen Stich ins Herz gab es aber dann doch. Wenn plötzlich gute Freunde im Hausflur stehen und nicht richtig wissen wie sie mit dir umgehen sollen, weil das alles viel zu absurd ist. „Anne, was soll ich sagen…“. An dieser Stelle fühlt man sich plötzlich nicht mehr so stark und selbstsicher. Wobei es genau die gut mit dir meinen und gerade jetzt auch häufig fragen, wie es einem geht. Jeden Tag bekomme ich diese Nachricht: “Wie geht es dir?”. Es ist eine Mischung aus Spaß und Ernst. Es ist eine Mischung aus Tatendrang, Beschäftigungszwang und Erhaltung der psychischen Gesundheit. Aber ich bin mir auch durchaus der Gefahr und Verantwortung bewusst.

Es ist ein kleines Stück Alltag, so wie man ihn kennt. Nur, dass wir uns alle nicht mehr in die Arme nehmen und alles irgendwie auch anders ist. Wohin das die nächsten Wochen führt, kann man kaum sagen. Dass das Angst macht, ist mehr als verständlich. Aber mit der Angst allein zu bleiben, kann niemanden helfen. Also sitzen wir abends schon wieder zusammen am Telefon und basteln einen kleinen Lieferservice auf unserer Website zusammen und schicken uns aufbauende Memes. Immer selbst und ständig. Immer vorwärts. Immer mit neuen Ideen. Immer gemeinsam. Anders können wir es doch nicht.

Unterstützenswerte Leipziger Projekte gibt es hier:
– die Kaffeeszene in Leipzig retten #wirgemeinsam
– Lieferservice by Rimini, renkli, TONIS organic icecream, macis Bioladen
– Plattform supportyourlocals
– Plattform local heroes leipzig
– Modegutscheine & Online-Shop by FANOE, pussyGalore, hej.mom
– Rettungsschirmchen für die Nepomukbar
– neue Gemüsekisten von der Annalinde
– Shirts by Janek Tattoo

Fotos (c) Robert Strehler Fotografie

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Kommentare

  1. AnneRosali AnneRosali sagt:

    liebe anette, was soll man da sagen. es ist unglaublich aufmunternd und lieb, was du schreibst. dass du dich auch “traust” aus der stillen beobachtung heraus zu schreiben, um mir mut zu machen. ich versuche stark zu bleiben, denke von tag zu tag aber eben auch an die zeit danach. das kann ich kaum erwarten… dann hast du hoffentlich wieder viel zu lesen. darauf freue ich mich wirklich. bleib du auch schön gesund. liebe grüße, anne

  2. AnneRosali anette harbich-strang sagt:

    liebe annabelle,
    seit einiger zeit lese ich deinen newsletter und freue mich jedes mal über das pralle leipziger kulturleben, das du vorstellst und habe schon viele tipps für kleine läden, restaurants etc. daraus mitgenommen. dein heutiger post hat mich sehr bewegt und ich möchte dir mut machen: bitte bewahre dir deine kraft und positive einstellung, die ‘kleinen’ brauchen dich und nach der krise erst recht! ich glaube fest daran, dass es neben finanziellen hilfen vom staat auch solidarische hilfe der leipziger geben wird. in den einzelnen communities gibt es ja z.b. schon crowdfunding-projekte… wenn du mal bei etwas unterstützung brauchst, kannst du dich gern melden. ich (56) habe eine kleine immobilienverwaltung und wohne im waldstrassenviertel. viele grüße und bleib schön gesund, anette

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