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you better be careful what you do to me I do not know where you’d rather be.

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Kraftklub singt: “Im Ernst, glaub mir Alter, du willst keinen Stress mit mir. Ich mach einen Anruf und schon ist meine Schwester hier.” – und auch ich hab großes Glück, so einen Pitbull in meinem Leben zu wissen. Anfänglich muss ich von der Nachricht, eine kleine Schwester zu bekommen ziemlich begeistert gewesen sein. So begeistert, dass ich den Namen aussuchen wollte und da ich nicht nur das größte Aristocats-Fangirl unter der Sonne, sondern auch sehr willensstark war, setzte ich meine Wahl spielend durch. Fraglich, wie meine Eltern reagiert hätten, wenn ich nicht die kleine weiße Katze von Aristocats, sondern die böse Tintenfisch-Frau von Arielle toll gefunden hätte. Während unser Bruder in seiner Rolle mit Sternchen und Auszeichnung aufging, fand ich unsere Schwester eher bescheiden. 15 Jahre lang. Wir haben uns nicht wirklich gestritten, wie beispielsweise unsere Cousinen, bei denen es bisweilen ziemlich rabiat zuging. Ich habe sie einfach ignoriert. In der Retrospektive weiß ich gar nicht genau, was schlimmer ist: ein gebrochener Arm oder ein gebrochenes Herz aufgrund von Ignoranz. Heute verfolgen wir den Plan, im Alter in einer lustigen WG zu leben und es damit unserer Oma und ihrer Schwester gleichzutun. Die beiden gab es nur im Doppelpack und sie schienen sehr glücklich gewesen zu sein. Wäre ich auch, wenn ich nach jedem Einkauf Zuhause erstmal einen Kurzen kippen und mich nur in Pastelltöne kleiden würde. Irgendwann nahm mich meine Oma mal beiseite und sagte “Kind, heiraten würde ich heute nicht mehr. Ich hab doch die T., das ist viel lustiger. Männer sind viel zu anstrengend”. Dass wir diese männliche Variable noch aus der Gleichung zum Glück streichen müssen, ist uns genauso bewusst wie der Fakt, dass die beiden erst mit im Alter von ungefähr 60 Jahren zusammen gezogen sind.

Schwester Schwester

Ich sag mal so: Das eine erledigt sich mit der Zeit und das andere auch. Woher diese Sinneswandlung von absoluter Ignoranz, hin zum Dasein als emotionaler Zwilling kam, ist mir genauso schleierhaft, wie die Tatsache, dass ich mal ein Leben geführt habe, in dem meine Schwester zwar am Rande vorkam, sie aber kein wirklicher Teil davon war. Wie trostlos das gewesen sein muss. Obwohl seit einiger Zeit kein Tag vergeht, ohne dass wir voneinander hören, trennen uns trotzdem viele Dinge. Meine Schwester kann aus dem Stehgreif ein Schmorgericht zaubern. Ich lasse Nudeln anbrennen. Meine Schwester zeichnet, strickt und häkelt und präsentiert bei jedem dritten Treffen eine neue Kreation Ihres Talents. Ich wurde beim Versuch ein hippes Makramé-Werk zu knüpfen so wütend, dass ich das Ergebnis entsorgen musste, weil ich den Anblick nicht ertrug. Und weil ich oft gefragt wurde, ob ich mal wieder nicht mit Langeweile umgehen konnte. Unser Weingeschmack ist so konträr, dass wir jedes Mal dieses ich-beiß-in-eine-Zitrone-Gesicht machen, wenn wir die Weinauswahl der anderen probieren. Wir probieren es jedoch jedes Mal aufs Neue und werden immer wieder enttäuscht. Immer vom Wein. Nie voneinander.

Als ich mit 18 meinen Führerschein bekommen habe (von “bestanden” kann hier eigentlich wirklich nicht die Rede sein) war meine Schwester meine erste Beifahrerin und beteuerte, dass ich das ganz toll mache und sie gar keine Angst habe. Ich habe es vier Jahre später genauso gemacht. Als ich mir letztes Jahr aus purer Blödheit den Fuß geprellt habe, habe ich sie angerufen. Allerdings hätte ich erst aufhören sollen vor Schmerz rumzubrüllen, denn das hätte zum einen die Kommunikation maßgeblich erleichtert und zum anderen wäre meine Schwester nicht mit der Befürchtung zu mir gerast, dass ich mir den Fuß zur Gänze amputiert hab. Als mir letztes Jahr nach endlosem Hin- und Her dann doch das kleine Herz gebrochen wurde, hat meine Schwester ohne mein Wissen eine bitterböse Nachricht an den Verursacher geschrieben. Und abgeschickt. Ich habe nie wieder etwas von ihm gehört.

Das letzte Jahr waren harte 12 Monate für mich, diverse Organe und Gliedmaßen. Aber sie war immer da. Sie bastelt mir ein Mobile aus 50 handgefertigten Origami-Kranichen und häkelt mir eine Decke, die aus 90 gehäkelten Vierecken besteht, fünf Kilo wiegt und, deren Produktion 1,5 Jahre gedauert hat. Wenn ich unsicher bin, ob die drei Milimeter auf dem Kopf nicht etwas zu kurz sind oder das neue Tattoo doch etwas zu viel, ist sie mein größter Cheerleader. Sie ist meine Infanterie und meine Kavallerie. Mein SWAT-Team und mein SEK. Und meine Schweizergarde. Und meine U-Boot Staffel. Und die, die bei der Queen arbeiten und diese großen Plüschhüte tragen. Will sagen: Im Ernst, glaub mir Alter, du willst keinen Stress mit mir. Ich mach einen Anruf und schon ist meine Schwester hier.

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Kommentare

  1. AnneRosali Kirsten Roth sagt:

    Liebe Luise, ein kleines Tränchen läuft mir über die Wange. Das hast du ganz wunderbar geschrieben. Ich kann Dir nur zustimmen. Sie sind einfach wunderbar und es ist das Beste was uns passieren konnte. Jede große Schwester braucht eine kleine Schwester, sie verstehen uns so, wie wir sind.immer.und sie sind immer da.zu jeder Zeit.
    Danke ihr lieben Mamas für diese wunderbaren Menschen :)

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