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where the drinks keep pouring down. and the candles keep me warm.

1 Kommentar

“Ich erinnere mich genau: ich war ungefähr sieben und das Objekt meiner Begierde waren beigefarbene (Farbtöne wie „taupe“ gab es damals noch nicht) Cowboy Stiefel. Der Absatz kam mir unerhört hoch vor (war er vermutlich nicht) und das Wildleder (war es vermutlich nicht) entsprach meinen hohen Anforderungen an Haptik und Optik. Meine Mama war strikt dagegen, weil unpraktisch und kein Winterschuh. Die erste Runde der Verhandlungen gewann sie, in der zweiten setze ich mich durch. Wie ich den ostdeutschen Winter überstanden habe ohne zwei Zehen dem Kältetod opfern zu müssen, oder ob es doch ein Paar Backup-Winterschuhe gab, ist nicht überliefert. Will sagen: ich war ein willensstarkes und zielorientiertes Kind. Diese Willensstärke und konkrete Haltung zum Thema Mode (Fashion gab es noch nicht) erreichten ihren Zenit in einem Outfit, welches für die Nachwelt festgehalten wurde: ich trug eine karierte Cabanjacke, die drei Nummern zu groß war (Mama: praktisch, denn das Kind wächst) und in diversen Rot- und Orangentönen leuchtete. Eine Samt-Baskenmütze in knallrot und meine sogenannte „Zahnpasta-Brille“ (ovale Fassung in transparent-türkis mit bunten Sternen, der Kaufprozess ähnlich wie bei den Cowboy Stiefeln) rundeten zusammen mit meiner Bob-Frisur in Prinz-Eisenherz-Länge meine Erscheinung ab. Granny-Style-Realness. Ich sehe auf diesem Foto aus wie eine durchgeknallte Oma, die ihre zu erwartende Witwenrente pre-mortem bei Polster und Pohl auf den Kopf haut.

Seelische Inventur Seelische Inventur

So konkret meine Vorstellungen eines ausgeklügelten Outfits im Alter von sieben waren, so konkret wurden auch meine Vorstellungen für mein zukünftiges Leben, als ich die Pubertät hinter mir ließ (hab ich das wirklich, frage ich mich manchmal.), sich mein Gedankenhorizont erweiterte und ich mich mit fundamentalen Lebensfragen auseinandersetzte. Machen wir es kurz und schmerzlos, wie beim Abreißen eines Pflasters: nichts, genau nichts von meinen damaligen, wunderbar naiven und erschreckenderweise sehr oberflächlichen Vorstellungen ist eingetreten! Darauf erstmal einen Schnaps. Wieso ist das so? Doch nicht so willensstark, motzt mich mein 20-jähriges Ich an und verschränkt beleidigt die Arme. Was, wenn die jetzigen Antworten nicht mehr zu deinen Fragen von damals passen? Sind dann die Antworten falsch, oder doch die Fragen, frage ich und versuche die letzten 11 Jahre zu erklären. Was tut man also, wenn man das 20-jährige Ich so massiv enttäuscht und nicht der Porsche vor der Tür steht (please, don’t judge me), sondern man ein LVB-Abo sein Eigen nennen kann? Wenn leider nicht vier Phantasie-Kinder (oh, Jesus!) durch die 250qm Phantasie-Altbauwohnung in Alsternähe toben, aber glücklicherweise auch keine 20 Katzen im Realitätszuhause Leipzig? Wenn es keinen anzugtragenden Ehemann gibt, der noch fix einen Kaffee am Bett serviert, ehe er als irgendein Head of Irgendwas zu irgendwelchen Meetings jettet? Was tut man angesichts eines heiratenden Freundeskreises, während man sich selbst bei Tinder an und ab und an und abmeldet?

Seelische Inventur

Tor 1: Zynismus. Hört sich scheiße an und esse ich bestimmt nicht, sagt mein siebenjähriges Ich. Tor 2: Verzweiflung. Macht Falten und Frauen sollten von einer Wolke Chanel umgeben sein, nicht vom Duft der Verzweiflung sagt meine Oma. Kluge Frau. Tor 3: Seelische Inventur. Klingt anstrengend, sage ich. Find ich spannend, sagt die 20-jährige Luise, schaut auf und wischt sich die Tränen der Enttäuschung von der Wange und hat, ganz strebermäßig, bereits eine Themenliste vorbereitet. Mein siebenjähriges Ich steht aufgeregt daneben, fragt wann wir denn jetzt genau anfangen und wieso das überhaupt so lange dauert. Und da sich beide einig zu sein scheinen, wähle ich mutig Tor 3 und freue mich, dass ihr dabei seid. Mal schauen, was wir beim Aufräumen, Sortieren und Zählen so alles finden. Möglicherweise neue Antworten zu alten Fragen, neue Fragen mit und ohne Antworten oder einfach die Erkenntnis, dass 20 Katzen doch die Lösung sind.”

Seelische Inventur

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Kommentare

  1. AnneRosali Kirsten sagt:

    Ich bin begeistert :)

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