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tell me some things i don’t want to know and i can’t see a light at the end for us anymore.

“Es geht also los. Das große seelische Aufräumen. Meine geliebte Oma hätte jetzt ihre magische weiße Frottee-Hose angezogen, mit Hilfe derer sie damals bei jedem Besuch unsere Kinderzimmer in Nullkommanichts umgeräumt und die heimische Speisekammer neu strukturiert hat. Ich habe im Zuge dessen eine hochwissenschaftliche Umfrage durchgeführt. Frage war, woran man merkt, dass man nun endlich leider erwachsen ist. Vermutlich weniger wissenschaftlich war die Auswahl meiner Studienteilnehmer: Meine liebsten Lieblingsmenschen. Nicht wirklich random, aber highly professional. Meine Freundin K. entgegnete auf die Frage, dass man zur Beantwortung erstmal sicher sein müsse, dass man sich selbst für erwachsen hält. Good point.

Hier trotzdem meine Top 5:

  • Man feiert nicht mehr so ausgelassen, weil der resultierende Kater drei Tage anhält (Hell, yes!).
  • Man muss sich mit Themen wie Versicherungen, Altersvorsorge und Steuererklärung beschäftigen (Pfui, bäh!).
  • Man hat endlich Vertrauen in sich und die eigenen Fähigkeiten (Yay!).
  • Man ist freitags völlig fertig und samstags ungewollt früh wach.
  • Man bekommt an der Wursttheke keine Scheibe Wurst für lau angeboten (mein persönlicher Liebling).

Was für mich persönlich allerdings das ultimative Zeichen fürs Erwachsensein ist, dass man sagt, dass man die Eltern besuchen fährt und nicht „nach Hause“, weil das eigene Zuhause mittlerweile ganz woanders ist. So wie letztes Wochenende. Ich stand also am Provinzbahnhof und wartete, wie in Grundschulzeiten darauf, dass meine Mama mich abholt. Wie auch damals, immer 20 Minuten zu spät. Während ich so wartete, überlegte ich, ob ich die ländliche Idylle (rosa Himmel und Taubenscheiße) fotografisch für Instagram festhalten sollte. Hashtag: home is where your heart is. Bis ich bemerkte, dass das nicht ganz der Wahrheit entspricht, weil mein kleines Herz nun nach 11 Jahren zu Leipzig gehört. Unser Anfang war mehr als schwierig. Ich ein Landei und Leipzig gefühlt viel zu groß. Sieben Wohnungen und verschiedene Wohnkonstellationen hat es gebraucht, bis ich mein jetziges Zuhause gefunden habe.

Dazu gehört jedoch nicht nur meine Wohnung, sondern vor allem auch mein soziales Zuhause, mein kuscheliges Nest mit all den Lieblingsmenschen, mit dem Dönermann der mich mit den Worten „Na wieder Pasta mit Brokkoli zum Mitnehmen?“ begrüßt, mit meiner Lieblingsbar, die ungefragt meinen Lieblingswein serviert, gekrönt vom dem wohligen Gefühl auch im Schlafanzug in den Aldi des Vertrauens gehen zu können. Falls man mich besucht und zum ersten Mal in Leipzig ist, so bin ich die schlimmste Stadtführerin überhaupt (kürzlich erlebt, mega peinlich). Aber ich kann erzählen, dass ich die Nächte meiner Mittzwanziger mit einer Flasche Sekt auf der Sachsenbrücke verbracht habe, dass ich die hohe Kunst des Verkaufens in der schönsten Passage Leipzigs erlernt habe, im Waldi getanzt habe, als es das noch gab und vor allem noch cool war, dass Flohmärkte auf der Feinkost unheimlich anstrengend und nur mit Prosecco zu überstehen sind und dass sich die Schienen am Adler für Radfahrer als ziemlich tricky erweisen können (Gerüchten zufolge überquert man dieses Bermudadreieck aus Schienen am besten mit einem Pitcher Margarita intus). Eine Stadtführung emotionaler Art, quasi.

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Leipzig ist nach elf Jahren meine persönliche und sehr flauschige Komfortzone geworden. Komfortzonen haben zwar den Vorteil wohlig warm und beständig zu sein, allerdings wächst man dort eher selten, wird stattdessen fett wie ein Stubentiger, möglicherweise aber auch genauso zufrieden. Trotzdem und obwohl ich mir für 2019 mehr Routine gewünscht habe, habe ich mich entschieden, ganz im Sinne der Veränderung und besonders unter Bezugnahme von Punkt drei der Zeichen fürs Erwachsensein, meine Komfortzone und mein gefundenes Zuhause abermals zu verlassen. Wofür genau, fragt mich mein ängstliches 20-jähriges Ich das sich damals doch so schwer mit Leipzig getan hat. Um mir die Möglichkeit zu geben, weiter zu wachsen, wie ich es die letzten elf Jahre in Leipzig getan habe, erkläre ich. Weil ich nicht fett wie ein Stubentiger werden will, weil es jetzt viel zu bequem ist, weil noch irgendwas auf mich wartet. Dafür nehme ich die gleiche Angst und Ungewissheit in Kauf, wie damals als ich den Peugeot meiner Eltern mit meinen Habseligkeiten gepackt habe und nicht wusste was mich in Leipzig erwarten würde.

Und so fühle ich mich momentan wie ein sehr mutiger Eskimo, der sein warmes Iglu verlassen hat und nun in der kalten, zugefrorenen Einöde steht: eigentlich würde ich so gerne zurück ans komfortable Feuer (Darf man in Iglus eigentlich Feuer machen? Wenn nicht, wie wird denen sonst warm?), aber draußen warten doch die Eisbären und mit ihnen die Abenteuer, die es zu entdecken gilt. Zögernd, aber unheimlich gespannt zugleich. Diesmal allerdings um die wertvolle Erkenntnis reicher, dass man sein Zuhause zwar aufgeben kann, aber die Heimat stets im Herzen behält und dorthin zurückkehren kann, egal ob es nun die ländliche Idylle ist, wo die einzigen Geräusche in der Nacht die blökenden Schafe sind oder aber die leuchtende Löffelfamilie, die einem nachts sicher den Weg von der Lieblingsbar nach Hause weist.”

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